Derrida lesen – aber wie? Zur dekonstruktiven Methodik

Die Methodenfrage ist selten so stark in die Struktur der philosophischen Methode eingeschrieben, wie es bei der Dekonstruktion der Fall ist. Derrida arbeitet stets in engen Kontexten, nah am Text, nah am Signifikanten – und dennoch stellt sich die Frage, was diese Methode ist und ob sie überhaupt eine sein kann.
Die Dekonstruktion ist untrennbar verbunden mit dem Lesen von Texten – wobei Derrida einen weiteren Begriff von Text verwendet, als man in der Alltagssprache annimmt. Ein Text kann bei ihm bis zu den bestehenden lebensweltlichen Verhältnissen gehen. Dennoch zeichnet sich ab, dass mit Vorliebe textbasierte Wissenschaften mit ihr arbeiten – die Jurisprudenz und die Philosophie als Textwissenschaften par excellence, aber auch Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaft. Das verwundert kaum, denn Derridas Spätwerk ist durchwegs von einem rechtsphilosophischen und demokratietheoretischen Diskurs geprägt, und die Methodik der Jurisprudenz lebt davon, den Buchstaben aufs Genaueste zu durchleuchten.
Wie operiert die Dekonstruktion? Seibert unterscheidet fünf Operationen (Seibert 2020): Sie sucht erstens nach Gegensätzen in Texten und steigert diese so weit, dass sie nicht mehr miteinander vereinbar werden – wer Freundschaft definieren will, muss zuerst fragen, was Feindschaft ist. Zweitens kondensiert sie diese Gegensätze zu Paradoxa, wobei Derrida direkt am Signifikanten arbeitet: Er kann bei der Formulierung »auf Europa sehen« auf die kartografische Darstellung Europas zurückgreifen, wörtlich auf Europa als Kap blicken, von dort zum Marx'schen Kapital gleiten und das Ganze als »anderes Kap« kondensieren – als Utopie eines Kap ohne Kapital (Seibert 2020: 32f., s.a. Derrida 1992). Drittens »beutet« Derrida die Metaphern aus (ebd.: 33): Er nimmt die Wörter beim Namen und kündigt damit die Zustände auf, die mit ihnen einhergehen – Assoziationen werden methodisch zugelassen, ja gewünscht. Viertens greift er auf das »Aufpfropfen von Fremdem« zurück (ebd.: 34): wie beim gärtnerischen Veredeln wird einem Begriff ein fremdes Element aufgesetzt, das ihn über seine eigenen Grenzen hinausträgt – das kondensiert sich in Derridas Begriff der »kommenden Demokratie«, die nicht durch ein Beispiel dargestellt werden kann, weil sie genau das noch nicht ist: »dafür braucht es die Zeit, dafür muss es die Zeit geben, die es gar nicht gibt« (zit. n. Seibert 2020: 34). Fünftens entsteht daraus die (Er-)findung des Anderen: etwas Neues, vorher nicht Vorhandenes, das im starken Gegensatz zum Ausgangsbegriff steht – und das immer auch mit einer gewissen Unmöglichkeit verbunden ist (ebd.: 35). Was gegen den Strich gelesen bedeutet: das uns Vorliegende muss vom ausgeschlossenen Anderen her verstanden werden. Aus der Möglichkeit wird die Unmöglichkeit, aus dieser wiederum die erstrebenswerte Möglichkeit.
Derrida selbst hat die Dekonstruktion an drei Stellen seines Werks direkt definiert (Lawlor 2014). Die erste Definition findet sich in den Positionen (1971): Die Dekonstruktion geht in zwei Phasen vor. Die erste kritisiert die Gegensätze, die die klassische Metaphysik strukturieren – Innen/Außen, Identität/Differenz –, als »violent hierarchies« (Lawlor 2014: 123), die es rückgängig zu machen gilt. Die zweite Phase hängt eng mit dem Begriff der différance zusammen: Die Quelle dieser Hierarchien kann selbst nicht im gleichen Begriffsschema umfasst werden. Derrida greift darum auf Paläonyme zurück – auf alte Begriffe, die er neu besetzt – und steuert damit explizit auf unbekanntes Terrain zu, auf ein Drittes außerhalb der Begriffe, das selbst ohne jegliche Grundlage ist und darum produktiv ausgeschöpft werden kann (ebd.: 124).
Die zweite Definition liefert Derrida in Gesetzeskraft (1989–90), einem Text zur Lektüre von Benjamins Zur Kritik der Gewalt. Dort spricht er von zwei Stilen der Dekonstruktion: einem genealogischen, der Begriffsgeschichte treibt, und einem strukturalen, der »ahistorical paradoxes or aporias« untersucht (ebd.: 125). Am Begriff der Gerechtigkeit zeigt er das konkret: Der Richter bewegt sich immer schon zwischen regulierter und nicht regulierter Entscheidungskraft, Offenheit und Systematik liegen unauflöslich gegeneinander. Die gerechte Entscheidung muss in einem endlichen Moment stattfinden – und genau dieser Druck, diese Dringlichkeit, ist selbst schon eine Form von Gewalt (ebd.: 126). Gerechtigkeit siedelt Derrida darum nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft an – wie schon die »kommende Demokratie«.
Die dritte Definition findet sich in Et cetera… (2000): Jeder dekonstruktive Versuch – das Zusammenführen von Dekonstruktion und einem X mit der Kopula »und« – ruft schon eine Teilung hervor, durch die in diesem X eine Unmöglichkeit erscheint (Derrida 2024: 66f.). Diese Unmöglichkeit wird jedoch zur einzig möglichen Möglichkeit dieses X. Die Verneinung der Möglichkeit im Begriff der Unmöglichkeit ist für Derrida eine Hochpotenzierung der Möglichkeit selbst (ebd.: 67). Gerechtigkeit, Gabe, Vergebung, Freundschaft – sie alle entpuppen sich als Homonyme ihrer selbst: Es gibt »Gerechtigkeit und Gerechtigkeit«, die erste mögliche und die zweite unmögliche, damit bedingungslos mögliche. Damit unterscheidet sich Derridas Dekonstruktion grundlegend von der von ihm verpönten Metaphysik der Gegenwärtigkeit – man denke an Hegels Bild der Eule der Minerva, die erst bei Dämmerung zum Flug ansetzt (Hegel 2002: 28). Derridas Dekonstruktion ist so verstanden der einzig mögliche Versuch, Utopie Realität werden zu lassen.
Ob sie dabei eine allgemeine Methode ist, verneint Derrida entschieden – aber nur unter dem Aspekt, dass ihr keine herkömmlichen Methodenbegriffe eigen sind (Engelmann 2013: 175). Die Dekonstruktion ist an ihren Kontext gebunden, operiert mit »relativen Regeln« und ist damit in einer »relativen Allgemeinheit« anzusiedeln (ebd.). Sie hat keinen Standpunkt von »Draußen« – oder besser: dieser Ort des Draußen ist völlig unbestimmt. Er zeigt sich in Begriffen wie »das Kommende« oder »das Zukünftige«. Wie soll jemand die Dekonstruktion dennoch erlernen, wenn sie so stark an den Kontext, an das Individuelle gebunden ist? Derrida setzt bei der Antwort im Grund der Sprache an. Sie ist das, was das Individuum notgedrungen übersteigt – und jeder Mensch wird in der Übersteigung der eigenen Sprache in eine alternative Grammatik hineingeworfen, in der die Dekonstruktion möglich wird (ebd.: 177). Damit liegt die Verantwortung für die Dekonstruktion beim Anwender selbst (ebd.: 181).
Auf den ersten Blick erscheint Derridas Dekonstruktion wie eine assoziative, sprach- und psychoanalytisch orientierte Literaturwissenschaft. Das ist im Sinne des Erfinders, der sich nie ganz zwischen Philosophie und Literatur entscheiden wollte. Ich denke man kann von einem manifesten und sublimen Gehalt in der Dekonstruktion sprechen. Der manifeste Gehalt ist die poetische Gestalt (gr. poiein: herstellen, komponieren), in der Derridas Arbeit auftritt – stark wortassoziativ, ein Spiel entlang der Signifikanten. Der sublime Gehalt ist die theoretische Vorarbeit und die stringenten Schlüsse, die Derrida durchaus vernünftig strukturiert hat, jedoch nicht in der im Akademischen üblichen Form niederschreibt: er geht den Umweg über die Verkleidung, Gestalt vor Gehalt – und Gehalt kommt mit Gestalt.
In einer Zeit, in der sich nach und nach Denkstrukturen verknöchern, ist die Dekonstruktion ein Mittel, wieder das Leben mit dem Leben zu denken – und das Leben nicht bedingungslos an die gehalt-orientierte Vernunft aufzugeben.


Benjamin, Walter. »Zur Kritik der Gewalt.« In: Benjamin, Walter, und Rolf Tiedemann. Gesammelte Schriften. 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991, 179–203.

Derrida, Jacques. Das andere Kap. Dt. Erstausg., 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992.

Derrida, Jacques. Gesetzeskraft: Der »mystische Grund der Autorität«. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996.

Derrida, Jacques, und Hans-Dieter Gondek. Die Stimme und das Phänomen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003.

Derrida, Jacques, Henri Ronse, und Peter Engelmann. Positionen. 2., überarb. Aufl. Wien: Passagen-Verl., 2009.

Derrida, Jacques, und Thomas Schlereth. Et cetera … Wien/Berlin: Turia + Kant, 2024.

Engelmann, Peter. Dekonstruktion: Jacques Derridas semiotische Wende der Philosophie. Wien: Passagen-Verl., 2013.

Hegel, G.W.F., und Eva Moldenhauer. Werke 7: Grundlinien der Philosophie des Rechts. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002.

Lawlor, Leonard. »Deconstruction.« In: Direk, Zeynep, und Leonard Lawlor. A Companion to Derrida. Chichester: Wiley Blackwell, 2014.

Seibert, Thomas-Michael. »Derrida und das Modell der Dekonstruktion.« In: Buckel, Sonja, Ralph Christensen, und Andreas Fischer-Lescano. Neue Theorien des Rechts. 3., neu bearb. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck, 2020, 29–46.