Der Nationalsozialismus als Millenarismus

Der millenaristische Aspekt des Nationalsozialismus wurde lange übersehen – nicht aber der religiöse. Eric Voegelin erkannte schon in den 1930ern pseudo-religiöse Impulse der NS-Bewegung, Norman Cohn behandelte den nationalsozialistischen Millenarismus erstmals 1957. Redles geht davon aus, dass gerade die millenaristischen, apokalyptischen und messianischen Aspekte der NS-Weltanschauung zu einem tieferen Verständnis des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust führen (Redles 2011: 530). Diesem Anspruch soll dieser Text folgen.
Die Weimarer Republik war für viele Deutsche nicht einfach nur eine politisch schwierige Zeit – sie fühlte sich wie das Ende an. Die Modernisierung machte sich erstmals für die breite Masse bemerkbar (Redles 2005: 14), das Land war ausgeblutet und gespalten, Aufstände und Räterepubliken lösten Angst und Ratlosigkeit aus (ebd.: 17). Der Vertrag von Versailles wirkte wie eine Amputation des »Volkskörpers« (ebd.: 19), die Weimarer Republik selbst wurde als aufoktroyiertes, »judaisiertes« System wahrgenommen (ebd.: 20).
Hitler deutete das rückwirkend in klassisch dualistischer Manier: auf der einen Seite die positiven Kräfte der Erhaltung – die Arier –, auf der anderen die negativen Kräfte der Zerstörung – die Juden (Redles 2005: 44). Ein monokausales Erklärungsangebot für ein polykausales Chaos – und damit ein wirksames.
Der Begriff »Drittes Reich« hat eine lange Vorgeschichte. Er speiste sich aus dem Neuen Testament, dem »Sacrum Imperium Romanum Nationis Germaniae«, dem wilhelminischen Bismarckstaat – und letztlich aus Joachim von Fiores Drei-Reiche-Modell: das Erste Reich des Vaters, das Zweite des Sohnes, das Dritte und letzte des Heiligen Geistes (Bärsch 2002: 58). Arthur Moeller van den Bruck nahm den Begriff 1923 auf – doch der eigentliche ideologische Taktgeber war ein anderer: Dietrich Eckart.
Dietrich Eckart (1868–1923) gab nach dem Ersten Weltkrieg die radikal antisemitische Wochenschrift »Auf gut deutsch« heraus und beschwor darin das Dritte Reich als deutsches Schicksalsprojekt. In seinem Aufsatz »Luther und der Zins« (1919) schrieb er: »Nirgends auf Erden ein anderes Volk, das fähiger, gründlicher wäre, das dritte Reich zu erfüllen, denn unsres! Veni Creator spiritus!« (zit. n. Bärsch 2002: 64). Der abschließende Ruf – »Komm, Schöpfer Geist« – macht deutlich: Es geht nicht um ein jenseitiges Heil, sondern um die diesseitige Aktualisierung des Reichs (Bärsch 2002: 66). Eckart löst die Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen Geschöpf und Gott auf – eine Engführung von Religion und Politik, die auch bei seinem Nachfolger beim »Völkischen Beobachter«, Alfred Rosenberg, weitergeführt wurde.
Als Hitler 1919 vor der DAP sprach, fand Eckart darin seinen »Gott/Kaiser«. Er war es, dem Hitler auf der vorletzten Seite von »Mein Kampf« die abschließenden Worte widmete: den »Besten, [der] sein Leben dem Erwachen seines, unseres Volkes gewidmet hat im Dichten und im Denken und am Ende in der Tat« (Hitler 2016: 1739).
Joseph Goebbels folgte Eckart inhaltlich auf dem Fuß, sprach zunächst vom »Neuen Reich«, meinte aber dasselbe: »Ich suche das neue Reich und den neuen Menschen. Die finde ich nur im Glauben.« (Tagebuch-Eintrag vom 27.9.1924, zit. n. Bärsch 2002: 113). Die Ursache der kollektiven Not sah er in der »Macht des Bösen«, vertreten durch die »Trabanten des Bösen« – die Juden (ebd.: 114). Nie verwendete er biologische Begriffe, wenn er über »Rasse« schrieb – er fasste es stets in religiöse Sprache (ebd.: 134).
Für Goebbels gipfelt alles im Begriff des Opfers: Zuerst das Selbstopfer des Einzelnen, der sich in der Gemeinschaft aufhebt. Dann das Fremdopfer – die Vernichtung der Juden als Vernichtung des Bösen (Bärsch 2002: 134). Bärsch fasst das dualistische Grundgerüst beider Ideologen zusammen: Das »Dritte Reich« liegt in der Zukunft, davor liegt eine Zäsur aus Kampf und Katastrophe, die Nationalsozialisten sind »Instrumente des göttlichen Willens«, Hitler ist der »kämpfende und siegende Christus«, die Juden sind der Antichrist (Bärsch 2002: 326). Eine überraschend einfache Apokalyptik – aber eine, die der realen Krisenerfahrung einen Namen geben konnte.
Hitler erlebte sich erstmals als Teenager als Messias – in einem ekstatischen Zustand während der Wagner-Oper »Rienzi«, bei dem er meinte, ein zweites Ich gehört zu haben (Redles 2011: 534). Später boten ihm der überlebte Autounfall und das Attentat vom 20. Juli 1944 weiteren Anlass für messianische Selbstdeutung: Zeichen des göttlichen Schutzes auf dem Weg zum Sieg (ebd.: 537).
Zentrales Scharnier dieses Selbstverständnisses war der Begriff der Vorsehung. Vor 1933 verwendete Hitler ihn vor allem negativ – zur Delegitimation politischer Gegner: Was illegitim ist, ist »nicht von Vorsehung bestimmt« (Bucher 2008: 78). Nach der Machtergreifung wandelte er sich zur »zentralen Ermächtigungskategorie«: Die fünf Jahre vor 1933 könnten »nicht Menschenwerk allein gewesen« sein (zit. n. Bucher 2008: 82). Wer Geschichte macht, braucht den »Segen der Vorsehung« – und Hitler war überzeugt, ihn zu haben.
In Zeiten des Erfolgs war der Begriff Legitimation, in Zeiten des Scheiterns Mobilisierung (Bucher 2008: 85). Am Nürnberger Parteitag 1936 kehrte er zum Wunder-Begriff zurück: »Das ist das Wunder unserer Zeit, daß ihr mich gefunden habt […]! Und daß ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!« (Bärsch 2002: 294). Den christlichen Vorbehalt – die Ungewissheit der Zeichen Gottes in der Geschichte – strich Hitler komplett. Er war selbst »ein Werkzeug der Vorsehung« (Bucher 2008: 87): kein Warten, keine Hoffnung, keine Ungewissheit.
Das nationalsozialistische Millenium ließ sich nicht allein durch deutsche Einheit herstellen. Es brauchte den bösen Antipoden – den »Jüdischen Bolschewismus« (Redles 2011: 539). Die Vernichtung der Juden war in dieser Logik keine pragmatische oder bürokratische Entscheidung, sondern die Erfüllung einer apokalyptischen Erwartung (Redles 2022: 233).
Hitler selbst sprach in seinem Testament von »sprachlicher Bequemlichkeit« beim Begriff »Rasse« – gemeint sei eine »Gemeinschaft des Geistes«, die die Welt verderbe und darum vernichtet werden müsse (zit. n. Ley 2002: 131). Damit ist der Holocaust »der neuzeitliche Versuch, durch Menschenopfer den Gang der Geschichte zu beeinflussen bzw. die Heilsgeschichte zu realisieren« (Ley 2002: 131). Für Adorno und Horkheimer ist das Judentum im nationalsozialistischen Denken folgerichtig keine Minorität, sondern »Gegenrasse« (Horkheimer/Adorno 2017: 177).
Der »heilige Ritus des Menschenopfers« wurde bewusst außerhalb der Öffentlichkeit praktiziert – in Vernichtungslagern, die man stets in die Nähe kulturell oder symbolisch bedeutsamer Orte baute: Dachau bei München, Buchenwald bei Weimar, Auschwitz bei Krakau (Ley 2002: 143). Das Opfer sollte zugleich Sühne und »intendierte Neuschöpfung« sein (ebd.: 145). Dass dies ernst gemeint war, zeigt sich daran, wie nach der Niederlage in Stalingrad die Transportkapazitäten im Osten knapp wurden – und dennoch die Transporte in die Vernichtungslager erhöht wurden (ebd.: 167). Ley schließt daraus: Der Holocaust lässt sich »nur religionsgeschichtlich interpretieren«, er sei »ausschließlich heilstheologischer Natur« (ebd.: 166).
Der Nationalsozialismus war keine bloß politische Bewegung mit religiösem Dekor. Er war eine genuine Heilserwartung – mit Apokalypse, Messias, Auserwähltem Volk und Antichrist. Dass diese Erwartung in industriellen Massenmord mündete, macht ihre religionsgeschichtliche Analyse nicht weniger notwendig. Im Gegenteil.


Bärsch, Claus-Ekkehard. 2002. Die politische Religion des Nationalsozialismus: die religiösen Dimensionen der NS-Ideologie in den Schriften von Dietrich Eckart, Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler (2., vollst. überarb. Aufl.). München: Fink.

Bucher, Rainer. 2008. Hitlers Theologie. Würzburg: Echter.

Hitler, Adolf et al. 2016. Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition. Band 2 (4., durchgesehene Auflage). München und Berlin: Institut für Zeitgeschichte.

Horkheimer, Max und Theodor W. Adorno. 2017. Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente. Frankfurt/Main: Fischer.

Ley, Michael. 2002. Holokaust als Menschenopfer: Vom Christentum zur politischen Religion des Nationalsozialismus. Münster, Hamburg, London: Lit.

Redles, David. 2005. Hitler's millennial Reich: Apocalyptic belief and the search for salvation. New York: New York University Press.

Redles, David. 2011. »National Socialist Millennialism.« In Wessinger, Catherine, Hg., The Oxford Handbook of Millennialism. New York: Oxford University Press, 529–548.

Redles, David. 2022. »The Apocalypse of Adolf Hitler: Mein Kampf and the Eschatological Origins of the Holocaust.« In Michalczyk, John J. et al., Hg., Hitler's Mein Kampf and the Holocaust: A prelude to genocide. London: Bloomsbury Academic.

Rhodes, James M. 1980. The Hitler movement: A modern millenarian revolution. Stanford: Hoover Institution Press.