In diesem kurzen Essay werde ich versuchen den titelgebenden Ausspruch Lacans hinsichtlich seiner möglichen Implikationen als Grundlegung der Kultur zu betrachten. Lacan geht mit diesem Satz ans Äußerste, nach den Folgen dieses Äußersten soll hier gefragt werden. Es geht mir in diesem Fall um die Frage nach den ›letzten Prinzipien‹ – wenn in Bezug auf Lacan diese Wortwahl wohl gar verfehlt ist –, die auch notgedrungen in den äußersten oder logisch gesprochen umfassendsten Gebieten angesiedelt sind: der Ontologie, der Religion, der Metaphysik – sie alle sind Grundlegungen von Ideologien, die wiederum Grundlegungen von Kulturen oder Kulturtheorien sein können oder notgedrungen sind. Der hier behandelten Frage liegt ein Misstrauen gegenüber dem römisch-katholischen Strukturmodell der analogia entis zugrunde, das sich mir beim Lesen Lacans immer wieder aufs neue einstellt.
Den Anstoß fanden meine Gedanken hierzu zum einen aus der Beobachtung der Lacan-Rezeption in der Theologie (vorwiegend aus dem katholischen Bereich), aus der nah-katholischen Grundbildung Lacans selbst (»Ich bin ein Priesterkind« – das er nicht tatsächlich war, er gab hiermit nur einen Wink auf die katholische Schulerziehung, die er genoss. Doch Lacans Bruder war Benediktiner.) und meinen veränderten Blick durch die reformierte Theologie auf die Grundlegung der Kultur durch den Katholizismus.
Die Nähe Lacans zum römisch-katholischen Erkenntnissystem wird nicht erst im titelgebenden Ausspruch über die Wahrheit jener Religion klar – auch wenn ich mir über die Absicht Lacans bei diesem Ausspruch noch nicht im Klaren bin – sondern durchzieht Lacans gesamte Vorgehensweise indem er den Freudschen Diskurs in eine Sprache übersetzte, die der katholischen Tradition verschrieben ist (Roudinesco 1990, zit. n. Westerink 2011, 3), das sehen wir gar deutlich bei dem Term ›Name-des-Vaters‹ (s. Evans 1996, 256; aber auch Pohier 1972, zit. n. Westerink 2011, 3). Nicht nur die Lacan-Biografin Roudinesco unterstreicht diese Verwandtschaft, auch Michel de Certeau sieht die Nähe zum Katholizismus, wobei ebenjener einer der ersten Theologen war, der sich das Lacansche Gedankengut angeeignet hatte.
Die wahre Religion ist die römisch-katholische Religion, die Lacan im selben Absatz (Lacan 2006, 72) sogleich als die christliche Religion zusammenfasst – in ihr herrscht die Funktion der Analogie, »[s]ie wird eine Entsprechung von allem mit allem finden.« (ebd.). Dies sagte Lacan in einer 1974 stattfindenden Kongress-Pressekonferenz, die als »Der Triumph der Religion« herausgegeben wurde. Jetzt lässt sich fragen, was diese Religion in der Ausübung ihrer Funktion als Analogisierung/Entsprechung aller Dinge nun eigentlich tut. Wie schon vorher angemerkt ist mir die Absicht, die Lacan mit den oben genannten Sätzen um 1974 anstrebte noch nicht ganz klar, vermutlich lässt sich etwas Licht ins Dunkel bringen wenn man sich Lacan als den Althegelianer im Junghegelschen Kostüm vorstellt oder als Synthese par excellence. Es liegen zeitlich nah ganz unterschiedliche Ansätze und Erklärungen von ihm vor. Hier könnte man fasst meinen der Fall Lacan hat Ähnlichkeit mit dem Fall Barth: Karl Barth wurde immerzu angetragen er sei von seiner dialektischen Theologie (damals aus dem evangelischen Lager ausgehend) abgekehrt und habe sich der analogia entis zugewandt (von Balthasar 1976, kritisch hierzu: McCormack 2006). Ähnlich verhält es sich bei Lacan: seinen dialektischen Aussagen folgen jene der (totalen) Analogie (eben 1974). Wobei sich der Fall bei Lacan etwas komplexer darstellt, da ich vermute, dass Lacan in der Denkart der Analogie in seiner Kulturtheorie eine gewisse Notwendigkeit sieht, wenn auch diese Notwendigkeit um den einige Jahre früheren Lacan miteinzubeziehen mehr eine Warnung darstellt, weniger letztes Ziel sein soll. Ich meine in diesem Fall die Textstellen über die Brüderlichkeit bzw. den Zusammenschluss der analogen Jouissance im Gegenzug zum Lager der Anderen, die Eric Laurent in seinem Text ›Rassismus 2.0‹ herausstreicht.
Lacan warnt hier vor der ›Religion des Körpers‹ (Laurent 2014, 1), eine Religion die entstanden ist durch die Abschaffung des Vaters (nach 1968) und als »Gesellschaft von Brüdern« (ebd.) angesehen werden kann. Wobei diese Brüderlichkeit wie Lacan sagt verhängnisvoll ist (…or Worse, 210f.), diese Brüderlichkeit (der Körper, des Fleisches) unter Menschen beruht auf Ausschluss und hat im Ausschluss des Genießens der Anderen seinen grundlegenden Effekt. Wenn von der Brüderlichkeit der Körper die Rede ist so schwingt auch das leibhafte Genießen mit, durch das sich diese Brüderlichkeit – auch wenn sie es selbst nicht definieren kann, dh. wir wissen eben nicht um unsere Jouissance – über den Leib auch ausschließt. Die Wahrheit der Aussage Lacans »Die wahre Religion ist die römisch-katholische Religion« entspricht der Wahrheit der Aussage Laurents »Unsere Geschichte hat jedoch insbesondere gezeigt, dass hinter jeder rassistischen Erscheinung der zentrale Platz des Antisemitismus gefunden werden kann, sowohl als Vorläufer als auch als Horizont.« (Laurent 2014, 5). Die Bestätigung finden wir im ersten Evangelium (nicht alle Belege gehen auf diese Datierung zurück, ich folge hier Klaus Berger, der das Evangelium nach Johannes um ca. 68/69 n. Chr. datiert): »Aus seiner Fülle haben wir ja alle empfangen, Gnade um Gnade./Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden« (Joh. 1,16.17, zit. n. d. Zürcher-Bibel). Die Sohnesreligion und damit die Brüder triumphieren (Gnade um Gnade) über den Vater (mit Gnade und Wahrheit). Wie Joh 1,1 selbst Gen 1,1 abschafft, bzw. »[w]ie eine Religion der anderen die Wahrheit wegnimmt« (Heinrich, 2020), so nimmt auch die Brüderlichkeit, die Lacan und in Folge Laurent behandelt, dem Anderen die aletheia weg. Die A-letheia (um Anleihe von Heidegger zu nehmen) ist die Un-Verborgenheit seiner Jouissance. Die Jouissance bleibt uns nur im Anderen nicht verborgen, darum kann sie dort als eine Unverborgenheit angesehen werden, wie auch unsere (unverborgene) Jouissance dem Anderen offenbar ist, uns selbst jedoch nicht.
Um nun den Bogen zu schließen, stellt sich die Frage wieviel von der ganzen Problematik in den bisher genannten Grundzügen (Alles wird allem entsprechen, Brüderlichkeit des Körpers und der Bekämpfung der Jouissance des Anderen als Grundlage des Rassismus) schon in der analogia entis selbst als kulturstiftende Denkfigur liegt.
Was heißt uns nun die analogia entis? Eine Seinsanalogie zwischen Gott und Mensch, bzw. säkular ausgedrückt: es gibt ein oberstes Prinzip an dem sich Untergeordnetes durch seine Ähnlichkeit auszurichten vermag. Dieses obere und somit letzte Prinzip ist durch die Vernunft erkennbar, wir können hier somit durchaus den Begriff der Wahrheit mitdenken. In diesem Analogieverhältnis wird also deutlich, dass aufgrund der ähnlichen Beschaffenheit Zugang von Unten nach Oben gewährt wird, im Fall der analogia entis durch Vernunft. Habe ich also die analogia entis als Grundlage meiner Denkweise, ist es mir möglich in der Theorie relativ nahe an dieses oberste oder letzte Prinzip heranzutreten. Oder anders gesagt, begehre ich zu denken, wie die analogia entis strukturiert ist, bin ich sehr schnell in der Gedankenfolge ›Genießen vom Genießen als absolutes Genießen‹. Dieses absolute Genießen ist wiederum genauso schnell an der Stelle des Gottes der Religion. Was lässt sich nun über diese Analogie auf der Ebene der Ontologie sagen? Wir sind beide Male auf der Ebene des Seienden, dh. das totale und letzte Prinzip, wie auch das untergeordnete menschliche Prinzip sind – wie soll es anders sein – ähnlich, weil sie beide Seiende sind. Eine Kulturbegründung wie sie anhand der analogia entis im ursächlichen Christentum vorgenommen wird, führt somit notgedrungen zum rassistisch aufgeladenen Begriff der Brüderlichkeit und dem Kreuzzug gegen die Jouissance und der Wahrheit (A-letheia) des Anderen (ich erinnere an die ›Gnade um Gnade‹ auf der »richtigen Seite«). Dadurch das wir uns beide Male auf der Ebene des Seienden aufhalten haben wir sogleich beide Male die Problematik des (Inner-)weltlichen. Ein (inner-)weltlich letztes Prinzip kann notwendigerweise aufgrund seines gleichen ontologischen Status erreicht werden. Hiermit ist das Grundproblem m.E. der Denkweise anhand der Analogie ausformuliert. Ein solches wenn auch nur mögliches (inner-)weltliches Primat kann nur überwunden werden durch die radikale Trennung von Welt und letztem Prinzip – wie sie von Karl Barth vollzogen wurde. Jede Ausformung, jeder Versuch auch nur – in Barths Fall – Gott zu denken, ihn für sich in Anspruch zu nehmen, befindet sich schon am Holzweg. Nicht mehr das letzte Prinzip ist das Andere, sondern die Welt und der Mensch ist das absolut Andere.
Wir können hier von einer Ähnlichkeit der Unähnlichen sprechen. Hier wird der Raum geöffnet und dem Traum der »universalisation of the mode of jouissance« (Miller, Extimate Enemies) entsagt. Weiters Miller: eine mögliche Lösung der Unaushaltbarkeit der Differenz zwischen uns und dem Anderen wäre, sich selbst als Subjekt der Jouissance im Anderen zu erkennen. Wobei Miller auch im selbigen Text vom Anderen in einem selbst ausgeht – »the Other is Other in my interior« – und darum auch vom Hass auf sich selbst spricht. Meinetwegen. Wir sind wieder beim klassischen Modell der projektiven Identifizierung oder beim Ausstreuen von Introjekten in den Anderen.
Zurück zu Gott und der Welt: in der radikalen Trennung vom letzten Prinzip als solchem und der Welt/dem Menschen, wird jeder und jede zum Anderen. Die Potentialität der Jouissance ist von Grund auf in Allen und Jedem erkannt (wie Miller schon schrieb), die Frage der Aktualisierung einer bestimmt definierten Jouissance (Stichwort Rassismus und Bekämpfung der Jouissance des Anderen) stellt sich nicht. Das individuelle Gesetz wird allgemeines Gesetz (G. Simmel). Das religiöse Verhalten ist je zu sich selbst und unterliegt keiner historisch bedingten (Ausgewählten-Jouissance-Konsensus-)Dogmatik.
Und doch: so war es nicht gekommen.
Lacan sieht im Seminar über die Ethik der Psychoanalyse (1959–1960) in Freud einen fortsetzer der Lutherschen Ethik, in »Die Wissenschaft und die Wahrheit« (Ecrits 1966; Schriften II, 251) geht Lacan noch davon aus, dass sich der Mensch vor der Wahrheit versperrt indem er ihre Ursache (Offenbarung) Gott anlastet, welcher dann im Grundbegriffe-Seminar (1964) im Atheismus zum unbewußten Gott wird, nur dass er ihn später in »…or Worse« (1972–1973) wieder als großen Anderen aufrichtet und schließlich 1974 wie schon oben besprochen in der wahren Religion des römisch-Katholischen richtig erfasst sieht. Was ich in diesem schrittweise erfolgenden Abbau einer festen Religion und Gott bei Lacan sehe, nur um sie beide am Ende wieder auferstehen zu lassen, ist denke ich nichts anderes wie eine Explifikation des drängenden Actus, der den Grund dafür abgibt warum Geschichte so verläuft, wie sie verläuft – anhand der Auslegung der analogia entis – und auch immer wieder verlaufen wird (wie Lacan in den anfänglichen 70ern schon gewarnt hat), wie sie verlaufen ist.
Das alte antikapitalistische Diktum politischen Entscheidungen sei solange zu folgen bis man in der Wirtschaft angekommen ist, kann hier auf die Philosophie umgemünzt werden: philosophischen und somit ideologischen Grundlagen der Kultur solange zu folgen bis man in der Religion angekommen ist. Dort ist die Sache selbst, der eigentliche Actus, und – hier denke ich Lacan als Zeugen anrufen zu dürfen – dieser ist verdängt, was aber nicht heißt das er vorbei ist.
