Psychoanalyse, »wahre« Kirche und Marxismus

Hungertuch – Fastentuch Misereor, Kloster Wernberg, Villach

Es gibt Sätze, die Lacan beiläufig hinwirft, aus jedem Zusammenhang gerissen, und mit denen er seine LeserInnen dann stehen lässt. Einer davon findet sich im Auflösungsbrief (Lettre de dissolution) vom 5. Jänner 1980, mit dem er seine École freudienne de Paris auflöst und der später in das XXVII. Seminar aufgenommen wurde: »Es ist die wahre Kirche, die den Marxismus unterstützt, insofern er der Kirche neues Blut gibt … einen erneuerten Sinn. Warum nicht [auch] die Psychoanalyse, wenn sie zum Sinn umschlägt? […] Die Beständigkeit der Religion beruht darauf, dass Sinn immer religiös ist.« (Lacan 1990: 129–131)
Man könnte diese Zeilen leicht abtun. Wir sind beim allerletzten Lacan, den die eigene Schule gern aus der Rezeption ausklammert. In den letzten beiden Seminaren gibt er das Wort zunehmend an seine SchülerInnen ab oder bricht Sitzungen ab, und gut ein Jahr später ist er tot. Ich denke aber, dass man gerade dieser Phase etwas abgewinnen kann, denn in den drei Sätzen verdichten sich Lacans Institutionskritik und seine Religionsphilosophie auf knappstem Raum. Die Institutionskritik streife ich hier nur. Dass die IPA für Lacan zur Kirche geworden ist, weil sie sich über den Diskurs erhoben hat, und dass er dafür Freuds Massenpsychologie gegen den Gründer selbst wendet, habe ich an anderer Stelle ausgeführt [s. Eintrag zur »Unmöglichkeit der Gruppe«]. Hier interessiert mich das Gegenstück: Es geht Lacan nicht um »diese Kirche«, die der IPA, sondern um die Kirche als solche in ihrem Verhältnis zur Psychoanalyse.
Zuerst zum Sinn, denn an ihm hängt alles. Gemeint ist der Sinn der Symptome, dem man sich in der Deutung annähert. Im borromäischen Knoten liegt er dort, wo sich das Imaginäre und das Symbolische überschneiden (vgl. Nemitz 2014). Die beiden Ringe sind aber nicht direkt miteinander verbunden. Sie halten erst durch den dritten, das Reale, zusammen – und dieses Reale bleibt dem Sinn äußerlich. Daraus folgt der Satz, auf den es hier ankommt: Sinn ist Antwort auf das Reale. Der Knoten ist um einiges verwickelter, als er aussieht, und ich belasse es in meinem bruchstückhaften Verständnis bei diesem Hinweis.
Wer aber ist die »wahre« Kirche? Dafür muss man sechs Jahre zurückgehen, zu den beiden römischen Auftritten von 1974, dem Gespräch, das als »Der Triumph der Religion« erschienen ist, und dem Vortrag »Die Dritte« (Lacan 2006; Lacan 1974/2024). Dort setzt Lacan die wahre Religion ausdrücklich mit der römischen gleich. Sie ist ihm die Religion, die die Sinnproduktion perfektioniert hat: Sie setzt alles mit sich in Beziehung und ertränkt so alles in Sinn. Die katholische Kirche verwandelt das Reale in Sinn – das ist ihr Grundmodus, ja letztlich ihr Auftrag an die Gläubigen. Lacan würde wohl die päpstlichen Stellungnahmen zu Atomwaffen ebenso in dieser Funktion verorten wie die erste Enzyklika Leos XIV., die im Mai 2026 unter dem Titel »Magnifica Humanitas« der künstlichen Intelligenz gewidmet wurde. Kaum bricht das Reale ein, meldet sich die Kirche mit Sinn zu Wort.
Und hier kommt zu Lacans Zeit der Marxismus ins Spiel. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte mit seinem »Aggiornamento« – dem Versuch, den Glauben auf den heutigen Tag zu bringen – die Kirche zur Moderne geöffnet und die soziale Gerechtigkeit zum Thema gemacht. Auf diesem Boden wuchs in Lateinamerika die Befreiungstheologie, als theologische Antwort auf eine strukturelle Armut, die im Kalten Krieg durch US-gestützte Militärdiktaturen verschärft wurde. Ihr Grundanliegen, die Option für die Armen, lief mit dem des Sozialismus zusammen. Den Marxismus verstand man dabei als das wissenschaftliche Instrument schlechthin, um die Verhältnisse zu erklären. Über Chile verbreitete sich die Bewegung der »Christen für den Sozialismus« auch institutionell, und spätestens mit der Bischofsversammlung von Medellín 1968 war klar, dass es sich um keine Randerscheinung aus dem theologischen Hinterzimmer handelte. Auch in Frankreich bildeten sich linkskatholische Gruppen, und kommunistische Parteifunktionäre suchten den Dialog mit der Theologie. Das heißt nicht, dass die Kirche als Ganze zum Sozialismus gefunden hätte – die Gegenschüsse und Verurteilungen aus Rom waren zahlreich und harsch. Aber im intellektuellen Paris, auch in Lacans Umfeld, waren diese Kräfte nicht zu übersehen.
Darauf zielt Lacans erster Satz. Weil der Marxismus in dieser Zeit Erklärungen liefern konnte, hat sich die Kirche durch ihn neuen Sinn verschafft. Sie hat seine Erklärungen übernommen und ihn für einige Jahrzehnte instrumentalisiert, bis er unter Wojtyła und Ratzinger wieder systematisch ausgeschlossen wurde. Lacans Bild ist dabei genau gewählt: Die Kirche hat den Marxismus nicht bekehrt, sie hat ihm Blut abgenommen.
Dann die Frage, die den eigentlichen Stachel enthält: Warum nicht auch die Psychoanalyse? Zwei Konstellationen in Lacans nächster Nähe liegen hier auf der Hand. Die eine ist der Jesuit Michel de Certeau, Gründungsmitglied der École von 1964, der Psychoanalyse und Strukturalismus früh mit katholischer Theologie verband. Ich muss allerdings dazusagen, dass seine einschlägigen Bücher erst nach Lacans Tod erschienen sind. Wie ertragreich die Verbindung in diesem Zusammenhang ist, kann ich darum nicht sicher sagen. Weitaus plausibler scheint mir die zweite: Françoise Dolto und ihr Buch »L’Évangile au risque de la psychanalyse« von 1977 (Dolto 1977). Dolto war über Jahrzehnte Lacans Mitstreiterin gegen die IPA, Mitgründerin seiner Vereine und zeitlebens gläubige Katholikin. In ihren Büchern vertritt sie immer wieder die Ansicht, dass auch das Christentum den Einzelnen ermutigen kann, sich seiner unbewussten Hindernisse bewusst zu werden und so zu einer authentischen Reife zu finden. Zugespitzt: Psychoanalyse und Bibel sagen dasselbe. Bei allem Respekt, den Lacan ihr zollt, ist sein warnender Ton kaum anders zu lesen denn als Distanzierung.
Bemerkenswert ist, woran Lacan die Gefahr festmacht. Nicht die bloße Nähe von Religion und Psychoanalyse ist das Problem, sondern der Umschlag der Psychoanalyse in Sinn. Damit würde sie ihrer eigentlichen Aufgabe untreu, sich gegen den Sinn auszurichten, dort, wo es um das Reale geht. Denn das Reale, das Lacan mit dem Symptom gleichsetzt, wird durch Sinn nur genährt. Die klassische Deutung, die das Symptom auf eine klare Ursache zurückführt und – wie Freud es beschreibt – erst tänzelt und dann ins Schwarze trifft, mag vorübergehend wirken. Doch das Symptom verschiebt sich und lebt erst recht weiter. Das hysterische Symptom springt von einem Körperort zum nächsten und bleibt gerade durch die Deutung beweglich, die es einfangen will. Weil jedes Symptom überdeterminiert ist, antwortet Lacan mit der Äquivokation: mit Rätseln und Orakelsprüchen, die selbst in Bewegung sind und das Bewegliche halten können, statt es festzunageln. Das ideale Ende einer Sitzung besteht für ihn darin, der AnalysantIn ins Wort zu fallen, sobald das Unbewusste gesprochen hat, und sie mit einem mehrdeutigen Satz zu entlassen.
So fügen sich die drei Sätze zusammen. Kirche und Marxismus antworten beide auf das Reale mit Sinn, mit einer Erklärung der Verhältnisse, unter denen Menschen leiden, und beiden wirft Lacan de facto eine Verkürzung vor. Was er ihnen entgegensetzt, ist allerdings keine Lösung, eher ein kulturpessimistischer Einspruch: Dem Symptom darf man weder im Subjekt noch in der Welt mit der Unterwerfung unter den Sinn begegnen. Sonst entsteht nur die nächste verknöcherte Struktur, und das Symptom zieht weiter.
Von hier aus erklärt sich auch, warum diese Sätze gerade in einem Auflösungsbrief stehen. Skandierung, Äquivokation und die Auflösung der eigenen Schule folgen demselben Gedanken: Starre Strukturen sollen vermieden oder wieder aufgebrochen werden. Die Auflösung der École ist nichts anderes als eine Skandierung auf der Ebene der Institution. Und doch braucht Lacan diese Strukturen. Es muss eine Schule geben, die die Gruppe birgt, so wie es eine Kirche geben muss, die die Gläubigen versammelt. Lacan will sie nur von Zeit zu Zeit auflösen.


Dolto, Françoise (1977): L’Évangile au risque de la psychanalyse. 
Lacan, Jacques (1974/2024): Die Dritte. Übers. von Rolf Nemitz, komm. von Max Kleiner. Lacan entziffern. https://lacan-entziffern.de/reales/jacques-lacan-die-dritte-uebersetzung
Lacan, Jacques (1990): Television: A Challenge to the Psychoanalytic Establishment. Hg. von Joan Copjec. New York: W. W. Norton.
Lacan, Jacques (2006): Der Triumph der Religion, welchem vorausgeht der Diskurs an die Katholiken. Übers. von Hans-Dieter Gondek. Wien: Turia + Kant.
Nemitz, Rolf (2014): Sinn im Knoten. Lacan entziffern. https://lacan-entziffern.de/topologie/sinn-symbolisch-imaginaer-und-real/