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| Solange Faladé und Jacques Lacan |
Wie bei Marx fehlt auch bei Lacan ein ausgearbeiteter Institutionsbegriff (Tupinambá 2024: 198), und doch wirkt die Sache durch seine gesamte Theorie hindurch. Er spricht von ihr meist verdeckt, nämlich dann, wenn er von der Kirche spricht. Gemeint ist dabei selten die Kirche selbst, sondern die Struktur der Masse, die sich in ihr am vollendetsten zeigt. Weil Lacans Denken spätestens ab den späten 60ern immer in die Praxis zurückgebunden ist, bleibt diese ungeschriebene Lehre nicht im Seminar. Sie wird an Vereinen, Statuten und Mitgliederlisten durchgespielt. Wer seine Seminare als bloße Ausbildungsveranstaltungen für angehende AnalytikerInnen liest, übersieht genau das.
An Vereinen hatte Lacan keinen Mangel. 1953 verlässt er mit Daniel Lagache, Françoise Dolto und anderen die Société psychanalytique de Paris und gründet die Société française de psychanalyse. Zehn Jahre später macht die IPA die Streichung Lacans von der Liste der LehranalytikerInnen zur Bedingung dafür, die SFP anzuerkennen. Streitpunkt ist die variable Sitzungsdauer: Lacans Skandierung beendet eine Sitzung, sobald das Unbewusste gesprochen hat, statt es in unbestimmtem Gerede zu verwässern. Im November 1963 bricht er das Seminar über die Namen-des-Vaters nach der ersten Sitzung ab. Im Jänner darauf steht er an der École Normale Supérieure, spricht von seiner »Exkommunikation« und dankt dem Direktor für die Schirmherrschaft (Lacan 2017, Sitzung vom 15. Jänner 1964). Das Wort ist nicht zufällig gewählt.
Auf die Auflösung folgt der Neubeginn fast im Wochentakt. Am 21. Februar 1980 antwortet Lacan »an die Tausend«, die mit ihm weitermachen wollen, mit der Gründung der Cause freudienne (Lacan 1980a). Am selben Tag meldet er sie bei der Polizeipräfektur an. Im März benennt er ein Auflösungskomitee, im Juli wird abgestimmt. Hinter dieser geordneten Fassade brodelt es – Widerstand gegen die Auflösung, Lobbying um die Nachfolge –, doch die Quellen dazu sind so parteiisch, dass ich sie hier beiseitelasse. Einen Überblick gibt Roudinesco (2011: 393ff.), freilich selbst einen tendenziösen.
Was löst Lacan eigentlich auf? In seiner Ansprache im Hotel P.L.M. Saint-Jacques sagt er über die alte Schule, er sei davon ausgegangen, dass sie tot war und es nicht wusste (Lacan 1980b). Sie sei zum Symptom geworden, und Lacan nimmt das Wort beim Wort: als etwas, das sich dazulegt, mitgeht, zustimmt. Die École hatte sich unter das »Lacan-Label« gestellt und sich an diesem Signifikanten ergötzt. Man machte Lacan zum Herrensignifikanten, zum S1. Er selbst will aber S2 sein, der Signifikant, der auf ein verdrängtes Wissen verweist (ebd.). Ob man ihm dieses Nicht-Ideal-Gehabe ganz abkauft, ist eine andere Frage. Wenige Monate später spricht er jedenfalls gern von »denen, die ihn lieben« (Lacan 1981).
Hier setzt die Kirche ein, und ich halte es knapp, weil sie mich in diesem Text nur als Struktur interessiert. Die IPA, schreibt Lacan, sei zur Kirche geworden, weil sie sich über den Diskurs erhoben habe (Lacan 1990: 130). Die Kirche ist hier das Modell einer Institution, die auf einem unfehlbaren Lehramt ruht. Die Schule hätte eine viel bescheidenere Aufgabe: die Gruppe zu beherbergen, deren einziges Band der analytische Diskurs ist. Erhebt sich die Institution über diesen Diskurs, ziehen sich die Gruppen auf ihr Ideal zurück. Statt eines Diskurses tauscht man dann, wie Lacan im Juli 1980 trocken bemerkt, nur noch Verbeugungen (Lacan 1980c).
Genau genommen ist das Freud gegen Freud gewendet. Die IPA, 1910 von Freud selbst ins Leben gerufen, wird mit dem Werkzeug der »Massenpsychologie« seziert. Eine primäre Masse, so Freud, besteht aus Individuen, die dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich deshalb in ihrem Ich miteinander identifiziert haben (Freud 1999b: 128). Die IPA ist zu einer solchen künstlichen Masse geworden – Kirche und Heer sind schon bei Freud die Vorbilder. Lacan dagegen will sich als dieses Objekt nicht hergeben: Jeder könne gern Lacanianer sein, er selbst sei Freudianer (Lacan 1980d).
Die Schule kann man auflösen, die Gruppe nicht. »Le groupe est impossible – impossible à dissoudre« (Lacan 1980b). Der Satz hat eine doppelte Pointe. Die Gruppe im klassischen Sinn ist eine synchrone Einheit, die sich aus ihren Individuen speist. Das Subjekt der Psychoanalyse aber ist kein Individuum. Es ist gespalten und darum nur diachron zu haben. Eine Gruppe aus solchen gebarrten Subjekten kann selbst nicht synchron sein. Sie ist im strengen Sinn unmöglich, und gerade deshalb lässt sie sich nicht per Brief auflösen. Was Lacan der IPA vorwirft, ist also nicht bloß Machtmissbrauch, sondern ein Kategorienfehler: Sie hat die Gruppe der Analyse mit einer Masse verwechselt. Und die eigene École hatte denselben Fehler begangen, sobald sie Lacan zum unfehlbaren Ichideal erhob.
In der Seminarsitzung zum Auflösungsbrief steht der Satz, der dem Ganzen seinen Titel geben könnte: Der Andere fehlt (Lacan 1990: 134). Gemeint ist Lacan selbst, als Ideal der Schule. Nur wenn diese Stelle leer bleibt, wird die Schule nicht wieder zur Kirche. Die Leerstelle ist aber kein sicherer Ort. Freud hat in »Totem und Tabu« gezeigt, dass nach dem Mord am Urvater die Verbote nicht verschwinden, sondern erst recht entstehen (Freud 1999a: 173). Die Lücke des Anderen ruft eine Hypothese des Anderen hervor, die sie füllt (Tomšič 2015: 90f.). Lacan weiß das. Die Frage, die er seiner Schule hinterlässt, stellt sich darum nicht einmal, sondern immer wieder: Hat sie sich einen Anderen geschaffen?
Was bleibt also von 1980? Die Antwort ist kürzer, als einem lieb ist: Jacques-Alain Miller. Lacans Schwiegersohn, alleiniger Herausgeber und Nachlassverwalter übernimmt nach Lacans Tod 1981 die Leitung der École de la Cause freudienne und führt sie über Jahrzehnte mit harter Hand. Žižek, selbst aus Millers Schule, spricht von einem »Miller-Regime« (Žižek 2020: 13). Peter Widmer erzählt, wie Miller ihm die Übersetzung eines Tagungsbandes aus dem Italienischen untersagte: »Ich verbiete das und ich werde zeigen, wer ich bin« (Pazzini u. a. 2021: 25). Anerkennung durch die Schule gibt es nur gegen ein Treueversprechen (ebd.: 24). Miller hat sich auf der Stelle des Herrn eingerichtet, die Lacan räumen wollte, und sie zu einem starren S1 ausgebaut. Ein S1 aber verlangt ein Symptom, und als dieses stellt sich die Schule mehr oder minder bereitwillig zur Verfügung.
Damit steht das Lacan’sche Feld vor einer unangenehmen Alternative. Entweder war das Projekt einer Schule ohne Anderen von Beginn an zum Scheitern verurteilt, oder eine neuerliche dissolution ist längst überfällig. Lacan selbst hat die Auflösung nicht als Ende verstanden, sondern als solution, als Lösung im wörtlichen Sinn. Sein Liebesbrief vom Jänner 1980 galt weder der Schule noch ihm selbst, sondern der Sache, der cause. Eine Liebe, die ihrer Sache treu bleiben will, muss die Institution, die sie beherbergt, auflösen können. Miller hat aus der Cause wieder eine Kirche gemacht, ein Apostolikum samt Treueid – und damit zumindest den späten Lacan verworfen.
Freud, Sigmund (1999a): Totem und Tabu. Gesammelte Werke, Bd. 9. Frankfurt am Main: S. Fischer.
Freud, Sigmund (1999b): »Massenpsychologie und Ich-Analyse«. In: Gesammelte Werke, Bd. 13. Frankfurt am Main: S. Fischer, 71–161.
Lacan, Jacques (1980a): »Carton aux mille«, 21. Februar 1980. Pas-tout Lacan, École lacanienne de psychanalyse.
Lacan, Jacques (1980b): »Allocution prononcée par Lacan au P.L.M. Saint Jacques«, 15. März 1980. Pas-tout Lacan.
Lacan, Jacques (1980c): »Petit discours à la Maison de la Chimie«, 5. Juli 1980. Pas-tout Lacan.
Lacan, Jacques (1980d): »Ouverture de la rencontre de Caracas«, 12. Juli 1980. Pas-tout Lacan.
Lacan, Jacques (1981): »Convocation à un Forum«, 26. Jänner 1981. Pas-tout Lacan.
Lacan, Jacques (1990): Television: A Challenge to the Psychoanalytic Establishment. Hg. von Joan Copjec. New York: W. W. Norton.
Lacan, Jacques (2017): Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Seminar, Buch XI. Übers. von Norbert Haas. Wien/Berlin: Turia + Kant.
Pazzini, Karl-Josef u. a. (Hg.) (2021): »… möglicherweise ein Symptom«. Ein Gespräch mit Peter Widmer über die Freiheit der Psychoanalyse. RISS+ 5. Hamburg: Textem.
Roudinesco, Elisabeth (2011): Jacques Lacan. Bericht über ein Leben, Geschichte eines Denksystems. Übers. von Hans-Dieter Gondek. Wien/Berlin: Turia + Kant.
Tomšič, Samo (2015): The Capitalist Unconscious. Marx and Lacan. London: Verso.
Tupinambá, Gabriel (2024): »The Logic of Institutions in Lacanian Psychoanalysis«. In: Taheri, Alireza u. a. (Hg.): Philosophy After Lacan. London: Routledge, 197–212.
Žižek, Slavoj (2020): Lacans politische Klinik des Seins. Übers. von Peter Trawny. Frankfurt am Main: Klostermann.
