Apperzeption und Wahn

Wenn Kant in §16 der Transzendentalen Deduktion (Kritik der reinen Vernunft, B-Auflage, B131–B136) nach der Grundlage von Vorstellungen überhaupt fragt, fragt er nach der Bedingung dafür, dass Erkenntnis überhaupt jemandes Erkenntnis sein kann. Die Antwort ist berühmt geworden: das »Ich denke« muss alle meine Vorstellungen begleiten können – sonst, wie Kant kurz darauf nachschiebt, »würde ich ein so vielfärbiges verschiedenes Selbst haben, als ich Vorstellungen habe« (B134).
Dass eine Vielheit von Empfindungsdaten überhaupt als die Vorstellung eines Gegenstandes auftritt, ist nach Kant nicht trivial, sondern eine Leistung. Es bedarf eines Aktes der Spontaneität, der das in der Anschauung gegebene Mannigfaltige verbindet und in einem Bewusstsein zusammenführt. Dieser Akt ist die »ursprüngliche Apperzeption« (B132) – und sie ist eine synthetische Einheit, die hergestellt, nicht bloß vorgefunden wird. Erst auf ihrem Boden wird die analytische Einheit möglich, also jener Akt, in dem ich verschiedene Vorstellungen als zu einem Bewusstsein gehörig wiedererkenne. In Kants prägnanter Wendung: die durchgängige Identität der Apperzeption »enthält eine Synthesis der Vorstellungen, und ist nur durch das Bewußtsein dieser Synthesis möglich« (B133).
Damit ist die argumentative Geographie skizziert: eine synthetische Einheit als heimlicher Grund, eine analytische Einheit als bewusste Selbstvergewisserung im Umgang mit den Vorstellungen, beide getragen von einem Subjekt, das sich seines eigenen synthetisierenden Akts bewusst zu sein hat. Was Kant in der ersten Kritik streng deduziert, hatte er aber schon 23 Jahre früher, in einem ganz anders gestimmten Text, von seiner Schattenseite her beschrieben. Diesem Seitentext und seinem heimlichen Echo in der späteren Deduktion möchte ich im Folgenden nachgehen, geleitet von den Kant-Lektüren C. Rauers (2012) und G. Scheits (2023).
Der Versuch über die Krankheiten des Kopfes (AA II, 257–271) aus dem Jahr 1764 beschreibt zwei Störungen des Verstandes, die sich mit dem Vokabular der späteren Deduktion erstaunlich präzise rekonstruieren lassen. Der erste Grad ist der Wahnsinn: der Wahnsinnige kann durchaus richtig sehen und richtig erinnern, doch er bezieht alles Mögliche auf sich selbst, er könnte »glauben, die ganze Stadt beschäftige sich mit ihm« (AA II, 268). Mit der Deduktion gelesen heißt das: der Wahnsinnige hyperbolisiert die analytische Einheit. Er gesellt sich zu allen Vorstellungen hinzu, lässt sie mit sich verschmelzen und zwingt damit den ganzen Inhalt der Welt unter sein analytisches »das ist meines«. Die Hierarchie zwischen Selbstbewusstsein und Vorstellungen subvertiert sich; die Apperzeption findet eine Ebene tiefer statt, als sie sollte.
Der zweite Grad ist der Wahnwitz. Dessen Bewusstsein, so Kant, zeichne sich durch »überfeine Einsichten« aus – fantasierte Realitätsangaben, Prophezeiungen, die an der »Richtigkeit der Verbindung« (AA II, 268) vorbeigehen. Der Wahnwitzige hypostasiert das »Ich denke« und kündigt jene Verbindung auf, die in der späteren Deduktion das Mannigfaltige der Anschauung an das Bewusstsein binden wird. Was bleibt, ist ein ungebunden flottierendes Bewusstsein, das »zwischen Genie und Unsinn« (ebd.) changiert, weil es Urteile fällt, ohne im Einklang mit den Dingen zu stehen. Auch hier klingt das Spätere bereits an: »Ein Verstand, in welchem durch das Selbstbewußtsein zugleich alles Mannigfaltige gegeben würde, würde anschauen« (B135). Der Wahnwitzige schaut tatsächlich unmittelbar durch sein Bewusstsein, das doch eigentlich nur zum Denken da ist.
Was den 1764er-Aufsatz so unzeitgemäß aktuell macht, ist eine fast nebenbei eingestreute Bemerkung: in der »bürgerlichen Verfassung« fänden sich »eigentlich die Gärungsmittel zu allem diesem Verderben, die, wenn sie es nicht hervorbringen, gleichwohl es zu unterhalten und zu vergrößern dienen« (AA II, 269). Schwerlich findet man eine bessere Prognose der psychiatrischen Klinik in Zeiten des Spätkapitalismus, des »anything goes«, der Hypostasierung des Ich im Zeitalter des Narzissmus und der Postfaktizität – als hier, in einer kantischen Randnotiz.
Die Krankheiten-Schrift hat es Kant erlaubt, das Subjekt von seiner möglichen Verrückung her zu denken. Die Kritik hingegen tut so, als wäre dieses Subjekt von Beginn an im Besitz seines eigenen synthetischen Akts und seiner selbst stets unbezweifelt bewusst (B135). Warum müssen wir annehmen, dass das Subjekt sich der ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption immer bewusst ist, während es sich an Vorstellungen abmüht? Reicht es nicht aus, dass dieser Akt sich vollzieht und für sich standhält? Wenn die ursprüngliche Apperzeption immer schon bewusst werden muss, dann sitzt im Herzen des kantischen Subjekts genau jene Hypostase, die er im Wahnwitz diagnostiziert hatte. Anders gesagt: Kant versteckt in der Kritik die Keimzelle einer Verrücktheit, deren sozialen Nährboden er in den Krankheiten des Kopfes selbst beschrieben hatte.
Dass Kant diesen Verdacht nicht ganz unbearbeitet gelassen hat, zeigt eine fast versteckte Fußnote im Paralogismus-Kapitel: Das »Ich denke« sei zwar »rein intellektuell«, aber »ohne irgend eine empirische Vorstellung, die den Stoff zum Denken abgibt, würde der Actus, Ich denke, doch nicht stattfinden« (B423). Was hier als empirische Anschauung in Anspruch genommen wird, kann nichts anderes sein als der eigene Leib des Subjekts (Scheit 2023, 109). Nur durch diese Einschränkung schützt sich Kant davor, dass sein »Ich denke« zur Substanz verkommt und er in die gleiche psychologische Projektion verfällt, wie der von ihm kritisierte Leibniz.
So scheint das »Ich denke« bei Kant nicht nur eine Verbindung aus dem präreflexiven und reflexiven Ich zu sein, sondern auch eine aus diesen beiden und dem leiblichen Ich. Sowohl auf mentaler als auch auf substanzieller Ebene begegnet uns die Frage des Vorausgegangenen; Kant hat sie beide bedacht und uns in seiner Kritik mit möglichen Fehlschlüssen und folgenschweren Fehlgängen konfrontiert.
 

Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. B-Auflage. Akademie-Ausgabe Bd. 3. Berlin: de Gruyter, 1968.
Kant, Immanuel: »Versuch über die Krankheiten des Kopfes.« Akademie-Ausgabe Bd. II, 257–271. Berlin: de Gruyter, 1968.
Rauer, C. (2012). Wahn und Wahrheit : Kants Auseinandersetzung mit dem Irrationalen. Akademie Verlag. 
Scheit, G. (2023). Naturen. 1. Teil: Die Träume der frühen Geisterseher des Kapitals erläutert als späte Metaphysik. sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, (22), 103–126.